Radiopharmazeutika: neue Zielstrukturen, personalisiertere Therapie und eine angespannte Lieferkette
Radiopharmazeutika: neue Zielstrukturen, personalisiertere Therapie und eine angespannte Lieferkette
Zusammenfassung des Interviews mit Prof. Wolfgang Wadsak auf dem EANM-Kongress 2026 in Wien
Die Nuklearmedizin durchläuft einen rasanten Wandel, der modernste Radiochemie mit einer hochgradig personalisierten Patientenversorgung verbindet. In einem jüngsten Interview mit AuntMinnieEurope teilte Prof. Wolfgang Wadsak – medizinischer Radiochemiker, Vorsitzender des Guideline and Publication Council der EANM und Mitbegründer der österreichischen nuklearmedizinischen Institution MINUTEmedical – seine Einblicke in aktuelle Durchbrüche, die komplexe Wissenschaft des Moleküldesigns und die Zukunft der Krebstherapie.
Vielversprechende Fortschritte in der Entwicklung
Die Landschaft der Radiopharmazeutika erlebt eine dynamische Entwicklung. Sie konzentriert sich sowohl auf die Entdeckung neuer Zielstrukturen als auch auf die Verbesserung des etablierten Goldstandards beim Prostatakarzinom, dem PSMA. Eine vielversprechende neue Zielstruktur, das Enzym ACP3, verspricht die Einschränkungen bei PSMA-negativen Läsionen zu überwinden. Ähnlich wie PSMA kommt dieses Enzym beim Prostatakarzinom sehr häufig vor, weist jedoch auch in den PSMA-negativen Läsionen eine hohe Dichte auf.
Was macht ein Molekül vielversprechend?
Das Design eines erfolgreichen Moleküls ist selten geradlinig; es ist ein akribischer Weg, der auf wissenschaftlicher Vorarbeit, viel Trial-and-Error im Labor und einer Portion Glück basiert. Der Prozess beginnt mit der Definition des Hauptzwecks des Moleküls:
- Diagnostische Anwendung: Erfordert ein schnelles pharmakokinetisches Profil (also die Art und Weise, wie sich die Substanz im Körper bewegt). Die Substanz muss die Krebszellen schnell erreichen und rasch wieder aus dem Körper ausgeschieden werden. Nur so entsteht ein scharfes, kontrastreiches Bild, während die Strahlenbelastung für den Patienten minimiert wird.
- Therapeutische Anwendung: Verlangt nach einem langsameren, langanhaltenden Profil. Das Molekül muss stark binden und über einen längeren Zeitraum am Tumorort verbleiben, damit die Strahlung ihre Wirkung voll entfalten kann.
- Die ultimative Herausforderung besteht darin, ein einziges Molekül zu entwickeln, das beides beherrscht – die Definition eines echten Theranostikums.
Auch die Pharmakodynamik eines Moleküls entscheidet über den klinischen Erfolg:
- Affinität: Wie stark der Ligand an sein vorgesehenes Ziel bindet.
- Selektivität: Ob er ausschließlich an dieses Ziel bindet oder sich auch an ähnliche Strukturen an anderer Stelle im Körper anheftet. Beispielsweise exprimieren Speicheldrüsen von Natur aus PSMA, weshalb Mundtrockenheit (Xerostomie) die häufigste Nebenwirkung der PSMA-Radioligandentherapie ist. Bei der Bildgebung des Gehirns vervielfacht sich diese Herausforderung: Das serotonerge System umfasst mehr als 20 Rezeptorsubtypen, und ein Tracer muss genau einen einzigen davon isolieren und sichtbar machen.
Der Realitätscheck: Skalierung, Preis und unabhängige Versorgung
Ein Molekül kann makellose physikalische Eigenschaften besitzen, aber es muss auch in großen Mengen und zu einem angemessenen Preis verfügbar sein. Die Herstellung der zielgerichteten Liganden ist ein langer, anspruchsvoller Prozess, der jedoch sowohl im universitären als auch im privat-kommerziellen Umfeld zunehmend gut zu bewältigen ist.
Der Engpass liegt in der Beschaffung der Radionuklide. Die spezialisierten Forschungsreaktoren, die für die Herstellung dieser medizinischen Isotope benötigt werden, sind rar gesät, und viele von ihnen sind veraltet. Das Navigieren durch die langen, langwierigen Entscheidungsprozesse zur Modernisierung alter Reaktoren oder zum Bau neuer Reaktoren erstreckt sich sowohl auf nationaler als auch auf EU-Ebene. Die Sicherstellung der Selbstversorgung Europas ist von entscheidender Bedeutung, damit der Kontinent nicht von wenigen großen, dominierenden Akteuren im Ausland abhängig ist.
Innovation in der Praxis: Personalisierte Versorgung bei MINUTEmedical
Prof. Wadsak hat MINUTEmedical mitbegründet, eine private nuklearmedizinische Ordination in Österreich mit einer eigenen, unter seiner Leitung stehenden Produktionsstätte für Radiopharmazeutika. Eine vorteilhafte Gesetzgebung im Bereich der Nuklearmedizin in Österreich hat dieses recht einzigartige Modell ermöglicht. Die Radioliganden werden maßgeschneidert und direkt auf Abruf für jeden einzelnen Patienten hergestellt. Dies ermöglicht es, Art, Zeitpunkt und Dosierung des Radiopharmazeutika exakt auf die individuellen klinischen Bedürfnisse anzupassen.
Die Zukunft der PSMA-Therapie: Früherer Einsatz und Personalisierung
Mit Blick nach vorn, befindet sich bereits eine neue Generation von PSMA-zielgerichteten Radiopharmazeutika in klinischen Phase-III-Studien. Prof. Wadsak glaubt jedoch, dass die wahre Zukunft der Behandlung des Prostatakarzinoms in der Mischung von Radionukliden und einem früheren Einsatz liegt:
- Maßgeschneiderter Mix: Nuklearmediziner werden ein vielfältiges Arsenal an Radionukliden nutzen, die genau auf das persönliche Krankheitsprofil eines Patienten abgestimmt gemischt werden. Das ideale Therapieschema wird sich im Verlauf der Erkrankung ändern, gesteuert davon, wie viel Knochen- oder Weichteilgewebe betroffen ist, wie hoch das gesamte Tumorvolumen ist und ob sich Resistenzen gegen frühere Therapien entwickelt haben.
- Frühzeitige Anwendung: Die Therapie im Krankheitsverlauf zeitlich nach vorne zu verlegen, wird einer weitaus größeren Patientengruppe den Zugang zu dieser hochwirksamen Behandlung ermöglichen. Sie steigert die Lebensqualität schnell und ohne schwere Nebenwirkungen. Jüngste Studien wie PSMAfore haben bereits zu Marktzulassungen in den USA und der Schweiz geführt. Die kommende PSMAddition-Studie zielt darauf ab, diese Therapie noch früher in den Krankheitsverlauf einzubringen.
Der eine Wunsch
Wenn morgen ein einziger wissenschaftlicher Durchbruch wahr werden könnte, wäre es das ultimative Ziel von Prof. Wadsak, den exakten Erfolg von PSMA für andere weit verbreitete, verheerende Krebsarten zu replizieren. Das Entdecken einer ähnlich „perfekten“ Zielstruktur für schwer zu behandelnde Krankheiten wie das dreifach negative Mammakarzinom (Brustkrebs), Eierstockkrebs oder Lungenkrebs würde die lebensrettende Reichweite zielgerichteter Radiopharmazeutika auf Millionen weitere Patienten weltweit ausweiten.
Das vollständige Interview können Sie hier ansehen.






