PSMAddition: Die Ergänzung der Standardtherapie durch ¹⁷⁷Lu-PSMA im hormonsensitiven Stadium des Prostatakarzinoms erweist sich als vorteilhaft
Die erste Phase-III-Studie „PSMAddition“ untersuchte, ob die frühere Ergänzung der Standardtherapie durch die Radioligandentherapie ¹⁷⁷Lu-PSMA-617 (Pluvicto) – bereits im hormonsensitiven Stadium – die Behandlung des metastasierten Prostatakarzinoms verbessern kann. In diesem Krankheitsstadium besteht der etablierte Standard aus einer Zweifachkombination: der klassischen Hormontherapie (Androgendeprivationstherapie, ADT) plus ein modernes hormonblockierendes Medikament (Androgenrezeptor-Signalweg-Inhibitor, ARPI). Die zentrale Fragestellung der Studie (der primäre Endpunkt) war, ob die frühzeitige Hinzunahme dieser dritten Therapieform die Krankheitskontrolle im Vergleich zur üblichen Zweifachtherapie verlängern kann.
Studiendesign
Die Studie umfasste 1.144 Patienten aus aller Welt. Alle hatten mindestens eine metastatische, PSMA-exprimierende Läsion, zeigten noch ein Ansprechen auf die Hormontherapie, d. h. waren noch nicht kastrationsresistent. Die Patienten wurden randomisiert in zwei gleich große Gruppen aufgeteilt:
- Experimenteller Arm (572 Männer): erhielten 6 Zyklen ¹⁷⁷Lu-PSMA im Abstand von jeweils 6 Wochen zusätzlich zur Standard-Hormontherapie. 86 % schlossen alle 6 Zyklen ab, und über 93 % erhielten mindestens 4 Zyklen.
- Kontrollarm (572 Männer): erhielten ausschließlich die Standard-Hormontherapie (ADT + ARPI, nach Wahl des behandelnden Arztes zwischen Abirateron, Enzalutamid, Apalutamid oder Darolutamid). Patienten dieser Gruppe konnten bei bestätigter radiologischer Progression auf ¹⁷⁷Lu-PSMA-617 wechseln („crossover“) (Brooks, 2025), was schließlich 16% taten. Die Zahl ist relativ gering und stellt vermutlich keine Gefahr dar, die Ergebnisse zu verwischen.
Was die Studie gemessen hat
Primärer Endpunkt war das sogenannte radiographische progressionsfreie Überleben (rPFS) – also die Zeit, wie lange die Patienten frei von radiologisch erkennbarem Tumorfortschreiten blieben.
Weitere wichtige Endpunkte umfassten:
- Gesamtüberleben (OS): ob die Patienten insgesamt länger lebten,
- Komplette und Gesamt-Ansprechraten: wie tiefgreifend der Krebs auf die Therapie ansprach,
- Zeit bis zur Progression zur kastrationsresistenten Erkrankung: wie lange es dauerte, bis der Krebs nicht mehr auf die Hormontherapie ansprach.
Schlüsselergebnisse
Verzögerte Krankheitsprogression
Männer im experimentellen Arm hatten ein um 28% geringeres Risiko, dass ihr Krebs während der Nachbeobachtungszeit fortschritt oder sie verstarben, im Vergleich zum Kontrollarm. Dieses Ergebnis ist statistisch signifikant.
Komplette Ansprechrate
Mehr Patienten erreichten mit ¹⁷⁷Lu-PSMA ein sogenanntes sehr tiefes Ansprechen. Etwa 57% der Patienten in der experimentellen Gruppe zeigten in der Bildgebung keinen sichtbaren Krebs mehr – im Vergleich zu etwa 42% in der Gruppe mit alleiniger Standardtherapie.
Gesamt-Ansprechrate
Rund 85% der Patienten, die ¹⁷⁷Lu-PSMA erhielten, zeigten eine Tumorverkleinerung oder ein Verschwinden des Tumors, gegenüber etwa 81% unter alleiniger Standardtherapie.
Verzögerter Übergang in schwerer behandelbaren Krebs
Sobald das Prostatakarzinom hormon- oder kastrationsresistent wird (d.t. nicht mehr auf eine Hormontherapie anspricht), stehen weniger Behandlungsoptionen zur Verfügung und die Aussichten verschlechtern sich. Diese Entwicklung hinauszuzögern ist daher ein wesentlicher klinischer Vorteil. Durch die Ergänzung von ¹⁷⁷Lu-PSMA hatten die Patienten während der Studiendauer zu jedem Zeitpunkt ein um 30% geringeres Risiko, dieses resistente Stadium zu erreichen. Vereinfacht gesagt blieb die Erkrankung länger kontrollierbar.
Trend zu längerem Überleben
Frühe Daten deuten darauf hin, dass Patienten unter ¹⁷⁷Lu-PSMA insgesamt länger leben könnten, doch zum Zeitpunkt des Berichts waren die Daten noch unreif. Es braucht mehr Zeit, um klare Unterschiede im Überleben zu erkennen.
Nebenwirkungen
Die Ergänzung von ¹⁷⁷Lu-PSMA führte zu mehr Nebenwirkungen, darunter Müdigkeit, Mundtrockenheit, Übelkeit und Veränderungen der Blutwerte; die meisten davon waren jedoch gut beherrschbar.
- Alle Schweregrade: 98,4% vs. 96,6%
- Schweregrad ≥ 3: 51% vs. 43%
Die Diskussion über Nebenwirkungen sollte differenzierter geführt werden. Es besteht die Möglichkeit, dass Patienten im experimentellen Studienarm mit sechs Zyklen übertherapiert wurden. Der sogenannte „Sink-Effekt“ sollte dabei nicht außer Acht gelassen werden: Die Verabreichung von ¹⁷⁷Lu-PSMA bei Patienten mit minimaler oder fehlender verbleibender PSMA-Expression kann potenziell schädlich sein, da in diesem Fall normales Gewebe einer höheren Strahlendosis ausgesetzt wird (Rashid K. Sayyid, 2025). Frühere Studien wie UpFrontPSMA zeigten bereits nach nur zwei Zyklen vollständige Remissionen, was zu der Annahme führt, dass die Strahlung der nachfolgenden Zyklen überwiegend von gesundem Gewebe aufgenommen wurde. Eine Zwischen-PET-Untersuchung kann hierfür eine einfache Lösung bieten: keine PSMA-Expression, keine weiteren Zyklen. Bei MINUTE Medical ist dieser personalisierte, bildgebungsbasierte Ansatz bereits Teil unserer routinemäßigen klinischen Praxis und hilft uns dabei, die Anzahl der Zyklen, die eingesetzten Radionuklide und die verabreichte Strahlendosis zu bestimmen.
Fazit
Die Ergänzung der Standard-Zweifachtherapie durch ¹⁷⁷Lu-PSMA im hormonsensitiven Stadium des metastasierten Prostatakarzinoms
- verlangsamte das Fortschreiten der Erkrankung signifikant,
- erhöhte die Wahrscheinlichkeit eines tiefen bzw. bildgebend nachweisbaren Tumoransprechens,
- verzögerte den Übergang in ein aggressiveres, therapieresistentes Stadium,
- führte zwar zu mehr Nebenwirkungen, diese könnten jedoch durch eine sorgfältige Dosierung und eine echte Personalisierung der Radioligandentherapie mittels interim Kontroll-PET-Untersuchungen reduziert werden.
Diese Studie untermauert den Ansatz, eine zielgerichtete Radioligandentherapie früher im Krankheitsverlauf einzusetzen und damit potenziell die Aussichten für Männer mit metastasiertem, aber noch hormonsensitivem Prostatakarzinom zu verbessern.
Bibliografie
Brooks, M. (28. Oktober 2025). Pluvicto in First-Line Hormone-Sensitive Prostate Cancer? Medscape
ONCOLife. (5. November 2025). Radioligand Therapy Pluvicto Reduces Progression Risk by 28% in mHS Prostate Cancer. Health and Pharma
Rashid K. Sayyid, M. M.–T. (October 2025). ESMO 2025: Discussant – Phase III Trial of [177Lu]Lu-PSMA-617 Combined with ADT + ARPI in Patients with PSMA-Positive Metastatic Hormone-Sensitive Prostate Cancer (PSMAddition). Urotoday
Tagawa, D. S. (19. October 2025). PSMAddition data show Novartis Pluvicto™ delays progression to end-stage prostate cancer. Novartis






